Nichts gegen ökologische Modellprojekte, im Gegenteil, aber warum müssen sie immer so aussehen, als wären die Häuser aus einer großen architektonischen Überraschungspackung auf das Baufeld gestreut worden? Sollte nicht Energieeffizienz oder gar Passivstandard im Neubau längst Selbstverständlichkeit sein – auch ohne den typischen "Öko-Look", der doch nicht mehr als eine psychologische Selbstergänzung ist? Man könnte es auch Ausdruck von ideologischem Fundamentalismus nennen, der in seiner eindimensionalen Radikalität noch nie überzeugen konnte. Warum also bei derartigen Modellprojekten den architektonischen Qualitätsmaßstab nicht einmal ganz oben ansetzen? Experimentell darf das Bauen ja gern sein, aber warum immer diese übertriebene Heterogenität – weil man sich nicht entscheiden will?
Dieses Haus könnte den Qualitätsmaßstab für eine Ökosiedlung setzen, weil es auf alle unnötigen Attribute des vermeintlich ökologisch signifikanten Bauens verzichtet, dafür aber einen formalen Maßstab setzt, der die Sehnsucht nach gebauter Ästhetik erfüllt. Der dezidierte Bauherrenwunsch hieß – neben allen anderen Parametern, die die Planung eines Hauses bestimmen – dass das neue Wohnhaus extrem energieeffizient sein sollte. Eigentlich kein besonders spektakulärer Wunsch, eher eine Selbstverständlichkeit, nur ist leider ein noch immer viel zu geringer Prozentsatz neuer Wohnhäuser wirklich energieeffizient oder erfüllt sogar den Standard eines zertifizierten Passivhauses. Aber tun wir nicht auch so, als reiche der Kauf eines Autos mit verbessertem Energieverbrauch aus, um die Treibhausgaskonzentration entsprechend den Forderungen des UN-Klimarates drastisch zu senken? Leider ja. allein in Deutschland verursacht das Wohnen rund 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs.
Aber der Entwurf der Architekten sollte sich deshalb keinesfalls ausschließlich an den Vorzügen hoch gedämmter Fensterprofile, am Wärmedurchgangskoeffizienten, an den Dreifachverglasungen, am Erdreichwärmetauscher, an der Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und anderen auch formal planungsrelevanten Bausteinen entwickeln, das wäre zu kurz gegriffen.
Wohnqualität ist nach wie vor weit mehr! Besteht Baukunst nicht auch darin, all die gewachsenen energetischen und technischen Anforderungen und die sich daraus ständig weiterentwickelnden Möglichkeiten mit den individuellen Wohn- und Qualitätswünschen durch Konzeption von Proportion, Licht, Material, Oberfläche, Farbe in jeder einzelnen Situation zu vereinen, um somit Sinnlichkeit und Atmosphäre zu schaffen? Technische Anforderungen können nie mehr sein als das Potential für ästhetische Lösungen.
Ein Grundrisskonzept mit offener Raumstruktur wünschten die Auftraggeber. Eine zentrale, große "Lebens-Küche" zum Kochen, Hausaufgaben machen, Arbeiten und Vielem mehr bildet im Erdgeschoss die atmosphärische Mitte der klaren Raumorganisation. Wohn- und Lesebereich im Westen, Ess- und Gästetrakt im Osten schließen daran an. Die einzelnen Bereiche werden durch raumhohe Wandfragmente zoniert, so dass in jedem Raum interessante Blickachsen und Sichtbezüge entstehen. Ein Gebäudevorsprung im Norden nimmt das Entree und ein Gästebad auf.
Eine großzügige Wohlfühlzone bildet das räumliche Herzstück des Obergeschosses. Es beschränkt sich nicht auf die funktionale Aufgabe der Erschließung von vier Individualräumen, nein, es ist anders und bietet weit mehr als eine offene Wohn- und Kommunikationszone mit Ausblick, ist geräumige Badelandschaft mit Himmelsblick aus der Wanne, ist Spielwiese für alle Familienmitglieder, ein Allraum, ein unkonventioneller Ort, dem eine geheimnisvolle Dampfgrotte zum stillen Rückzug angeschlossen ist. In der Summe ist es das Grundrisskonzept, das die individuellen und nahe liegenden, wenn auch immer noch untypischen Wohnbedürfnisse der Bauherren widerspiegelt. Konsequent ist es daher, dass auch die Planung des Gartens diesem Wunsch nach formaler Durcharbeitung im Sinne einer Gesamtästhetik entspricht.
So konnte auch die bekannt-vertrauten Gestaltungs- und Oberflächenmerkmale eines typischen Passivhauses nicht Maßstab des Entwurfes sein, sondern vielmehr sollte das Erscheinungsbild die kubische Form stärken – die Fassade sollte geheimnisvoll, präzise und auf besondere Weise formal innovativ wirken. Putz auf Styropor konnte es nicht sein, nicht die Suche nach dem kostengünstigsten Wetterschutz der faszinierend dicken, mineralischen Dämmschicht auf massiver Wand war also das Ziel, sondern eine zeichenhafte Hülle, deren Oberfläche eine eigenständige, unverwechselbare Physiognomie hat. Die Lösung hieß Cor-Ten Stahl, ein Material, das bei der Bauaufgabe Wohnen überrascht, ein zwar technisch etabliertes, aber zweifellos ein ästhetisch polarisierendes Material. Cor-Ten Stahl bietet eine umhüllende Oberfläche, die sich permanent mit dem natürlichen Lichteinfall wandelt und Stimmungsbilder der jeweiligen Wettersituation spiegelt: mal glänzend und schimmernd, mal stumpf – eher heiter, munter und dann wieder schwer, verschlossen, fast abweisend und jeden Moment überraschend anders. Und: das Fugenbild nicht aufgesetzt, nicht gegeißelt von produktionsbedingten Tafelformaten, sondern abgeleitet aus den Proportionen der Fensteröffnungen, deren Formate und deren Teilungen es zum unverzichtbaren, bestimmenden Teil des Gestaltungsausdrucks macht. Nicht Module, sondern handwerkliche Arbeit fasziniert.
Der Präzision von Form und Materialbeschaffenheit entsprechend ist die Detailausbildung in ihrer Schärfe auch im Detail: kein gesondertes Attikablech, keine Abkantung oder gar ein baskenmütziger Überstand, sondern das scharf geschnittene Material Stahl im gesamten Fassadenbereich. Die Fenster in der Fläche oder in die Ecke gerückt folgen dieser Auffassung an Akkuratesse und verzichten auf jede Andeutung von Sims. Es sollte keine sichtbare Schraub- oder Nietbefestigung sein, sondern – als technische Herausforderung – eine nicht sichtbare, geklebte Lösung, für die es bei der Auskragtiefe der Unterkonstruktion und dem Einzelgewicht der Platte sowie auch der Rostoberfläche noch keine bekannte konstruktive Referenz gab. So ist die Aluminium- / Edelstahlunterkonstruktion eine Sonderlösung, die mit dem beauftragten Fassadenbaubetrieb und in Abstimmung mit dem Passivhausinstitut entwickelt wurde, um die Gebäudezertifizierung als Passivhaus zu erreichen.
Spektakulär? Ja, weil hier architektonisches Neuland betreten wurde, das sich erst auf den zweiten und dritten Blick erschließt: Diese Architektur muss man mögen, man muss fasziniert sein vom intellektuellen Zusammenspiel zwischen Auftraggeber und Architekt – und dem Ergebnis dieses gemeinsamen Ringens um die endgültige Form für das eigene Haus. Spektakulär ist das Resultat, noch spektakulärer ist, dass eine derart vorbildliche Architektur – ganz selbstverständlich – auch eine Passivhausarchitektur ist. Dieser Maßstab für den Umgang mit der ganz individuellen Bauaufgabe Einfamilienhaus ist vorbildlich – und hoffentlich irgendwann einmal auch ganz unspektakulär und einfach Standard. Aber davon sind wir noch weit entfernt.
"Holger Reiners – Spektakuläre Häuser"
Auszeichnungen:
| - | Das Goldene Haus 2007 - Sonderpreis |
| | Energiesparhaus - schön und günstig |
| | Bauherren-Preis von DAS HAUS |
| | und den Landesbausparkassen |
| - | Beispielhaftes Bauen |
| | Architektenkammer Baden-Württemberg |
| | Alb-Donau-Kreis und Ulm 2001-2007 |
| - | Wohnungsbau in Baden-Württemberg 2007 |
| | Die besten Häuser und ihre Architekten |
| | Sieger in der Kategorie Energieeffizienz, Energieinnovation |
| - | Architekturpreis der Reiners-Stiftung 2007 |
| | Auszeichnung |
| - | HÄUSER Award 2008 |
| | Auszeichnung |
| - | Auszeichnung Guter Bauten 2008 |
| | BDA - Bund Deutscher Architekten |
| | Landesverband Baden-Württemberg, Kreisgruppe Ulm-Donau-Iller |
| - | Gestaltungspreis der Wüstenrot Stiftung 2008 |
| | Energieeffiziente Architektur in Deutschland |
| | Anerkennung |
| - | Effizienzhaus - Energieeffizienz und gute Architektur 2008/2009 |
| | Preis in der Kategorie Neubau Ein-/Zweifamilienhäuser |
| | dena - Deutsche Energie-Agentur GmbH |
| | Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung |
Veröffentlicht:
| - | TOP 100 Häuser |
| | Preiswert, individuell, zeitlos |
| | Thomas Drexel, DVA |
| | ISBN-10: 3-421-03525-3 |
| - | Der Bauherr 6/2006 |
| | Compact Verlag GmbH, München |
| - | Architektur & Technik 7-07 |
| | B + L Verlags AG, CH-Schlieren |
| - | Wohnungsbau in Baden-Württemberg 2007 |
| | Die besten Häuser und ihre Architekten |
| | Sonderbeilage Stern - Das deutsche Magazin, Heft 45/07 |
| | Verlag Gruner + Jahr, Hamburg |
| - | Das Haus 11/2007 |
| | Internet Magazin Verlag GmbH, München |
| - | HÄUSER Heft 1/08 |
| | Verlag Gruner + Jahr, Hamburg |
| - | Spektakuläre Häuser |
| | Holger Reiners |
| | Deutsche Verlags-Anstalt ISBN 978-3-421-03650-6 |
| - | Die besten Einfamilienhäuser - innovativ und flexibel |
| | Callwey Verlag, München |
| | ISBN-13: 978-3766717320 |
| - | DIE WELT 28.04.2008 |
| | Axel Springer AG, Berlin |
| - | HÄUSER special 3/08 |
| | Die 100 besten Einfamilienhausarchitekten |
| | Deutschland Österreich Schweiz |
| - | AW Architektur + Wettbewerbe 214 - Energieeffizientes Bauen |
| | Karl Krämer Verlag, Stuttgart Juni 2008 |
| - | HÄUSER Heft 6/08 |
| | Verlag Gruner + Jahr, Hamburg |
| - | Energieeffiziente Architektur in Deutschland |
| | Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg |
| - | DBZ - Deutsche Bauzeitschrift, Heft 11/09 |
| | Bauverlag BV GmbH, DOCUgroup Company, Gütersloh |
| - | bauemotion Mai 2009 |
| | Heinze GmbH, Celle |
| - | opus C - Planen & Gestalten mit Beton |
| | Ausgabe 3/2010 ISSN 1860-0298 |
| | Ad-media GmbH, Köln |
Daten:
| Bauherr: | Johannes Ellinger, Ulm |
| | Nicole Faber, Ulm |
| Wohnfläche: | 230 m² |
| Umbauter Raum: | 966 m³ |
| Grundstück: | 928 m² |
| Tragwerk: | IB Lieb, Ulm-Gögglingen |
| HLS: | IB Bohnacker, Schelklingen |
| Interior: | roland holz design, Braunschweig |
| Freianlagen: | Bauherr |
| Fertigstellung: | 2005 |
| Fotos: | Martin Duckek, Ulm |
| | Mühlich, Fink & Partner, Ulm |
| Team: | Peter Fink |
| | Günter Perl |
| Objektadresse: | Cartesiusstraße 110 |
| | 89075 Ulm |