Vor 6 Generationen wurden nach den Plänen von
Festungsbaudirektor von Prittwitz über 10 Meter unter dem heutigen Neubau der
Akademie für Kommunikation die Fundamente der Ulmer Stadtumwallung gelegt, bis
zu 10.000 Arbeiter waren bei der Errichtung dieser Militäranlage tätig. Das
erste Werk der Oberen Stadtfront war ein starkes Kernwerk mit großer
Defensivkaserne als Reduit.
Der Wall bildete einen spitzen Winkel, da
die eine Face entlang der Donau verlief, die andere in einer Linie mit den
anschließenden Werken lag. Der Graben war mit Blauwasser zu fluten.
An
Stelle des Walls erbaute man ab 1914 Stall- und Unterkunftsgebäude und nutze
das Werk als Artilleriekaserne, also war auch die zweite Zeitschicht
militärisch geprägt. Knapp 170 Jahre nach der ersten und fast 100 Jahre nach
der zweiten baulichen Aktivität an dieser Stelle schließen wir die Lücke mit
der ersten nicht militärischen Nutzung. Wir brauchen uns hier nicht mehr
einmauern, nicht mehr verteidigen und keine Kriegsstrategien entwerfen, der
Neubau dient einer Bildungseinrichtung für junge Kreative, die Akademie für
Kommunikation in Baden-Württemberg. Ausgerechnet aber ein weiteres
militärisches Ereignis, ein Bombenangriff im zweiten Weltkrieg hat hier eine
Lücke, eine bauliche Kriegswunde gerissen, die wir in der nun dritten
Zeitschicht schließen konnten.
An Stelle des damaligen kreisrunden,
zweigeschossigen Eckturmes, der das benachbarte Gebäude mit diesem geschlossen
verbunden hat, haben wir im zurückliegenden Architektenwettbewerb die
Offenheit der ehemaligen Kasernenecke favorisiert.
„Der Standort ist für
die Eingangssituation der Stadt Ulm von Süden her kommend über die B10 von
besonderer städtebaulicher Bedeutung. Mit dem Entwurf soll eine grundsätzliche
Lösung für dieses Grundstück gefunden werden, die der Bedeutung des Standortes
gerecht wird“, so die Formulierung in der damaligen
Wettbewerbsauslobung.
Was aber wird der Bedeutung dieses Standortes
gerecht? Keinesfalls der bloße Weiterbau des historischen Grundrisses - meinen
wir. „Offen – In erster Reihe“ haben wir unseren damaligen Erläuterungsbericht
zu unserem Entwurf überschrieben.
Der eigenständige Ergänzungsbau leistet
zweierlei:
Zum Einen markiert er von Süden kommend signifikant den südlichen
Ulmer Stadteingang und positioniert sich somit selbstbewusst in erster Reihe,
womit diese wichtige Raumkante entlang der Donau an Bedeutung gewinnt.
Zum Anderen schließt er das mit neuem Leben gefüllte
Quartier räumlich ab, bietet jedoch gleichzeitig den wünschenswerten, von
beiden Seiten klar erkennbaren Außenbezug und eine der Stelle angebrachte
Durchlässigkeit.
Wir schließen unseren Neubau direkt an das
Bestandsgebäude an, das ebenfalls Bestandteil der Akademienutzung wird.
Das vorgefundene Gebäudeprofil des Bestandsgebäudes bestimmt auch die Breite
des Neubaus. Auf der bestehenden Traufhöhe - also zweigeschossig - führen wir
den Neubau fort, setzen dann aber einen neuen Maßstab. Mit weiteren 5
Geschossen formulieren wir einen insgesamt 26 Meter hohen Kubus der an der
südlichen Spitze über die historische Baulinie auskragt. Hier legen wir die
Bonnetkasematte frei - ein vor Artilleriebeschuss geschütztes Gewölbe - das wir
mit dem großen Foyer auch innenräumlich verbinden und so die drei
Zeitschichten im Gesamtkomplex abbilden.
Der entstandene Tiefhof ist den Schülern zur offenen
Plattform für ihr kreatives Handeln geworden. Bei aller Dichte des Grundstücks
war uns gerade die Schaffung von Freibereichen mit hoher Aufenthaltsqualität
sehr wichtig. So entstand neben dem Tiefhof eine große Dachterrasse mit Zugang
vom Neu- und Altbau und vor der Zugangsnische ein Hof mit langer Sitzbank und
neuem Baum. Vernetzt mit Geh- und Radweg sind die Freibereiche auf privatem
Grund Teil der Öffentlichkeit und untermauern so unseren Gedanken nach
konzeptioneller Offenheit.
Die Fassaden folgen unserer konzeptionellen
Haltung, sie suchen mit dem Thema Lochfenster im monolithischen Baukörper – für
uns vom ersten Moment an nur in Sichtbeton denkbar - ihren Bezug zum
historischen Bestand in ihrer Umgebung.
Das Gebäude selbst ist denkbar einfach organisiert,
alle Klassenräume Richtung Münster und die Flure abschirmend zum Bismarckring,
unaufgeregt und funktional sinnvoll.
Nun ist Sichtbeton nicht jedermanns Sache, aber kein
anderes Material hätte nach unserer Überzeugung unser gedankliches Konzept
besser zum Ausdruck bringen können als Beton, monolithisch gegossen, pur,
scharfkantig, präzise, ohne Dachüberstand, ohne Attika- und Fensterbleche,
durchgefärbt - nicht farbbeschichtet, klassisch - nicht modisch und außerdem
faszinierende Handwerkskunst.
Veröffentlicht:
Auszeichnungen:
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Hugo-Häring-Auszeichnung
BDA 2011 |
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Bund Deutscher Architekten
BDA |
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Landesverband
Baden-Württemberg |
Daten: