Krematorium, Ulm

Als ganz vorsichtige Anfrage kam dieser Auftrag in unser Büro:
ob wir uns vorstellen könnten...
wir sollten in ruhe überlegen...
wir dürften natürlich auch ablehnen...
ein Krematorium zu planen.

Hätten wir uns dafür bewerben wollen?

Gleich mit angeboten wurde uns der Ausweg in die technokratische Verdrängung: eigentlich sei das ja ein reiner Zweckbau, es gehe nur um die moderne Verbrennungstechnik, nicht um Rituale und schon gar nicht um expressive Architektur; nicht von ungefähr sei das neue Krematorium am Rande des Friedhofs platziert, losgelöst von der Feierhalle mit der unhaltbar gewordenen alten Einäscherungsanlage... aber pietätvoll sollte es natürlich trotz allem doch sein...

Vom ersten Blick in ein Ofenguckloch haben uns die 5 Jahre des Planens und Bauens reichlich Gelegenheit gegeben zur Konfrontation mit dieser „Sache", mit dem eigenen Erschrecken, mit der deutschen Krematoriumsvergangenheit Gelegenheit zum Loslassen von Ängsten und Tabus, um überhaupt gestalten zu können: was wir tabuisieren, können wir nicht gestalten.

Wichtig für unsere Arbeit waren Eindrücke aus Besichtigungen in der Schweiz; stets waren wir dort unter die Erde geführt worden, in die Untergeschosse der Friedhöfe, in hygienisch geflieste Katakomben.

Vorgenommen haben wir uns danach, diesen Ort in Ulm so zu gestalten, dass er nichts verbirgt, dass er bei allen Rätseln über unser Lebensende und dem Danach keine unnötigen weiteren Rätsel aufgibt, durchschaubar ist, hell ist und ein Ort sein kann, an dem wir die Verbrennung notfalls auch feiern könnten.

Und wir wollten auch die Würde derjenigen achten, die dort täglich arbeiten, wollten ihnen gute Ausblicke gönnen.

Wichtig war der Umgang mit „der Technik": deren Bedingungen wurden erst langsam in vollem Umfang klar; sie haben die Form des Gebäudes und vieler Details ebenso geprägt wie die Kosten und die Kostensteuerung. Diese Technik wurde teurer und teurer, also sollte das Gebäude selbst immer billiger werden.

Wichtig war: hinschauen können ohne abzustumpfen und diese Haltung mit spartanischen Mitteln auszudrücken.

Bei alldem ist ein vergessenes Schiff entstanden mit einem Grundriss in Kreuzform, eingesponnen in Pflanzen. Abends müssten wir ihn im Krematorium besuchen, hat uns einer der Mitarbeiter gebeten: das hell erleuchtete Schiff stünde dann feierlich gegen den Himmel und es sei in stiller Fahrt.

Bauherr:

Stadt Ulm, Hochbauamt

Nutzfläche:

ca. 1.000 m²

Umbauter Raum:

3.732 m³

Grundstück:

4.000 m²

Tragwerk:

IB Kiessling, Ulm

HLS:

IB Keppler, Ulm

E:

IB Keppler, Ulm

Freianlagen:

Mühlich, Fink & Partner, Ulm mit
Manfred Rauh, Ulm

Fertigstellung:

1993 / 1995

Fotos:

Valentin Wormbs, Stuttgart
Mühlich, Fink & Partner, Ulm

Team:

Wolfgang Mühlich
Sabine Keck
Dieter Dangel
Christine Faßhauer

Presse:

- Ulm-Neu, Stadtraum und Architektur
Hrsg. Stadt Ulm, Fachbereich Stadtentwicklung und Umwelt Bürgermeister Alexander Wetzig in Zusammenarbeit mit der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
ISBN 3-88294-265-7
- Architekturführer Ulm / Neu-Ulm
Hrsg. Alexander Wetzig und Max Stemshorn in Zusammenarbeit mit der Stadt Ulm, der Stadt Neu-Ulm und der Kammergruppe Alb-Donau-Kreis / Stadtkreis Ulm
ISBN 3 8030 0631 7
- FSB Architekturführer Ulm 2003
Hrsg. Prof. Dr. Ingeborg Flagge in Zusammenarbeit mit dem BDA Ulm / Biberach, Klaus Heidenreich
ISBN 3-935243-35-9
- Aktuelle Mustermappe für Baukonstruktionsdetails
Gebogenes Dach, Mai 1996
WEKA Verlag für Architektur

Objektadresse:

Stuttgarter Straße 170
89073 Ulm