Neubau eines Jugend- und Gemeindehauses, Ulm-Söflingen

Bauen kann doch jeder. Das haben wir jedenfalls als Kinder gerne getan: Steine aufeinander legen, Türme aufschichten oder lange Stangen in den Boden stecken und in schwindelnder Höhe miteinander verknüpfen. Wir Kinder wußten genau, wofür wir gebaut haben: wir wollten für uns sein hoch droben oder tief drinnen.

Und jetzt finden wir uns wieder bei langen Stangen, dünnen Stecken, Türmen und Erdhöhlen und sind doch so erwachsen geworden. Es hat sich nichts verändert - gottlob.
Wir haben genau gewußt, wofür wir dieses Haus - diesen langen Schlitten - bauen wollten:
Räume für die neuen Söflinger, denn die haben ja nichts. Räume für die Jugendlichen, denn die haben ja nichts. Räume, in die man einfach reingehen kann, Kinder und alle anderen. Räume, die uns begrüßen, wenn wir die Türen öffnen, uns aber nicht gefangenhalten. Räume, die uns einen Rahmen bieten fürs Gespräch, für den Ernst und die Ausgelassenheit; die das Leben ausdrücken, ohne fremd, erdrückend oder maskiert zu sein. Sie sollen unser Ort sein, gleich wie wir uns fühlen, welche Vergangenheit wir verarbeiten und welches Licht der Zukunft über uns kommt. Licht sollen sie sein, schön und stabil - das wollten wir.

Also Architekt, baue uns das Haus: – einen Kindergarten für zwei Gruppen,teils mit Tagesbetreuung
– eine Wohnung für den Hausmeister
– eine Diakonie-Station für die Krankenpflege in Söflingen
– und einen Treff für alt und jung, gscheit und freundlich, musikalisch und still, aktiv und genießerisch mit 6 Seminarräumen, einem Cafe, in einer unendlichen Wandelhalle
– und einem kleinen Raum für das sinnende Betrachten - die Meditation.

Also bitte: die Gebäudetypologie war doch klar: die Straße dominiert an dieser Stelle und nicht ein städtischer Platz, zu dem man sich öffnen könnte, der den Zugang vorbereitet, den Auftakt bildet. Die Straße ist der Weg, auf dem wir dieses Haus erreichen und von ihr und ihrem Lärmen wenden wir uns ab. Das schmale, lange Grundstück entbehrt der Tiefe, die uns am Eingang das Paradies und im
Innern den großen Brunnenhof den
Kreuzgang geboten hätte. Seminar - und Kirchenraum, Refektorium und Andacht waren nicht zentral, sondern als Teile förmlich wie unterwegs anzuordnen.
So sind nun die Räume unterwegs, unsere Blicke sind unterwegs und wenn Sie durchs Haus gehen werden, sind Sie ebenfalls unterwegs - entlang der Straße. Ist nicht auch unsere Kirche unterwegs und wir selbst?
Mal suchen wir das offene Haus, mal sollte der Raum eher dunkel und geschlossen sein. Mal ist der Raum der einzig gute, der seine vier gebundenen Wände hat, mal braucht's nur eine Wand und drumherum wird alles Raum, weil Sie das so erleben.

Bauherr:

Evangelische Gesamtkirchengemeinde Ulm

Nutzfläche:

ca. 965 m² Hauptnutzfläche

Umbauter Raum:

5.330 m³

Grundstück:

2.592 m²

Leistungsphasen:

1-9

Tragwerk:

Ing. Büro Röder, Ulm

HLS:

Ing.-Büro Zieher, Ulm

E:

Ing.-Büro Nitzlader, Veitinger+ Partner, Ulm

Fertigstellung:

1995

Fotos:

Valentin Wormbs, Stuttgart
Mühlich, Fink & Partner, Ulm

Team:

Christine Faßauer
Claudia Habrik