Wettbewerb Nachverdichtung Wetzlarer Strasse, Stuttgart

Ein unwirtlicher Ort: Die Wetzlarer Straße

Zwei geschlossene Brandwände der Bestandsgebäude, zwei den Straßenraum dominierende Garagenbauwerke, jede Menge parkierender Autos, kein Blickkontakt zu den Wohnhöfen, kein Hauseingang, kein Mensch, so definiert sich die bestehende Wetzlarer Straße. Hier helfen keine additiven Ergänzungsbauten - noch so schick - können sie keine Antwort auf die vorgefundenen städtebaulichen Defizite sein.
Ein allumfassendes Ordnungssystem muss her, ein Ordnungssystem das alle drei Bestandsgebäude und die Neuankömmlinge sortiert und räumlich verbindet, ein Ordnungssystem das den menschliche Maßstab in den Vordergrund rückt, ein Ordnungssystem das eine klare Raumkante in der Wetzlarer Straße definiert.
Die Wetzlarer Straße bildet eine erkennbar durchgängige städtebauliche Schnittstelle im Bestand, Schnittstelle zwischen Nord-Süd-orientierten Gebäuden auf der einen und Ost-West-orientierten Gebäuden auf der anderen Seite. Dieses existierende Quartiersordnungsprinzip haben wir erkannt und entwickeln es konsequent weiter. Alle neuen Gebäude ordnen sich diesem vorgefundenen städtebaulichen Prinzip unter, alle neuen Gebäude ergänzen den Bestand als Ost-West-gerichtete Gebäude.
Das mittlere der drei Bestandsgebäude ist lotrecht zur Wetzlarer Straße, diese Gebäudestellung greifen wir gerne auf und positionieren alle Neubauten ebenfalls lotrecht zum Straßenraum. Ganz selbstverständlich entsteht ein zusammengehörendes Gesamtensemble, offen und durchlässig zu den Wohnhöfen, Höhengleich bis auf den neuen Hochpunkt am Kreuzungspunkt zum Sparrhärmlingweg und dem bestehenden Hochhaus. Eine weitere Sonderstellung nehmen die beiden Gebäude neben ihrer herausragenden Höhe durch ihre Verdrehung ein.
Lange Gebäuderiegel oder Großformen sind u.e. nicht die Lösung, vielmehr säumen acht maßstäbliche Häuser die grüne Mitte im Inneren des Ensembles und entlang der Wetzlarer Straße.
Hier rhythmisieren die Einzelgebäude mit deren Schmalseiten im Wechsel mit kleinen Höfen in der Lücke und einem Hausbaum die „neue" Wetzlarer Straße. Ganz selbstverständlich dass wir hier die Hauszugänge positionieren, maximale Belebung, Shared Space im besten Sinne.
Die Hausgröße der Neubauten definiert sich aus dem Vorgefundenen, die Hausbreite entspricht exakt der der Zeilenbauten, die Hauslänge der leicht versetzten Gebäudeteile am westlichen Ende der Zeilenbauten. Die gewählte Größe „verstellt" keine der Bestandswohnungen, durch die überschaubare Länge ist ein seitlicher Ausblick in allen Zimmern des Bestands gewährleistet.
Den nördlichen und südlichen Auftakt der „neuen" Wetzlarer Straße definieren wir durch unser Gesamtensemble ebenfalls neu, dringend notwendig wie wir meinen. Im Norden stellen wir das erste Gebäude der Reihe exakt auf die Raumkante des gegenüberliegenden Nachbargebäudes, ein Merkpunkt in der Darmstädter Straße. Im Süden schaffen wir mit der leicht versetzten und verdrehten Anordnung der beiden ersten Gebäude im Zusammenspiel mit dem benachbarten Hochhaus einen kleinen Stadtplatz.
Ein weiterer wichtiger Baustein der „neuen" Wetzlarer Straße ist die östliche, profilgleiche Ergänzung des bestehenden Zeilenbaukörpers, hier siedeln vier zusätzliche Wohnungen am bestehenden Treppenhaus und sozusagen inmitten des Shared Space ein Gemeinschaftsraum für alle Bewohner, mehr Belebungsangebote des öffentlichen Raums im Zusammenspiel mit den schon beschriebenen sind kaum denkbar.
Klar, dass wir hier auch die Erschließung der beiden neuen Tiefgaragen verorten, zwei Tiefgaragen mit Anschluss an alle Neubauten inclusive dem neuen Treppenhaus des bestehenden Hochhauses. Ausreichend Abstand zu den Untergeschossen der Zeilenbauten, so dass eine wirtschaftliche Bauweise gelingen kann.
Die gewünschte Hybridbauweise – die wir sehr gerne aufgreifen und anbieten, an anderer Stelle von uns auch schon angewandt – hat, wenn deren Vorteile zur Geltung kommen sollen planerische Konsequenzen auf den Gebäudeentwurf. Kompaktheit ohne Vor- und Rücksprünge, Verzicht auf eingeschnittene Loggien, gleiche Grundrisse übereinander und keine Installationsverzüge sind ganz ausschlaggebende Parameter für die Wirtschaftlichkeit dieser Bauweise, bedeutend mehr als bei konventioneller Massivbauweise. Diese Kriterien bestimmen unser Handeln, maximal gleiche, kompakte Einzelbaukörper mit vorgesetzten Balkonen, die mit deren Form als Zitat der Fünfziger Jahre die Geradlinigkeit aufbrechen und einen fast spielerischen Akzent setzen, Bewohnertauglich mit blickdichter Brüstung in das farbige Fassadenkleid integriert.
Die Grundrisse im gewünschten Mix sind klar zoniert, gebrauchstauglich und entsprechen in ihrer Größe durchgängig den Förderrichtlinien. Ganz besondere Qualität ist sicherlich die dreiseitige Belichtung. Durch die konsequente Kompaktheit der Gebäude können in der Betrachtung der Gesamtwirtschaftlichkeit die Zweispänner bestehen, städtebaulich und Gebäudetypologisch ohnehin!
Die Freianlagen ordnen sich in das Gesamtkonzept ein, die Wege folgen der Orthogonalität der Gebäude, in der Grünen Mitte entsteht eine fast Parkähnliche Aufenthaltsqualität für Alle. Eine Boulebahn südlich des Hochhauses und zwei unterschiedlich ausgeprägte und differenziert gestaltete Spiel- und Trefforte für Kinder und Heranwachsende integrieren sich ganz selbstverständlich in das zurückhaltende Landschaftskonzept.

Das Hochhaus wird Teil des spürbaren Gesamtkonzeptes. Die neue Gebäudeerschließung positionieren wir konsequent im Norden, ohne Umwege direkt von der Darmstädter Straße. Ein halböffentlicher Vorplatz mit großem Schutzdach definiert das qualitätvolle Entrée. Durch die neue Treppenhausergänzung mit Durchlader-Aufzug ist eine barrierefreie Erschließung in allen Teilen gewährleistet, gleichzeitig ist mit diesem Treppenhaus ein zweiter baulicher Rettungsweg mit Feuerwehraufzug geschaffen, somit entfällt die Investitions- und Wartungsintensive Anlagentechnik eines Sicherheitstreppenhauses im Hochhaus.
Mit der Erweiterung nutzen wir die Chance auf eine plastisch differenzierte Baukörperausprägung, mit zwei unterschiedlich tiefen Gebäudeflügeln lösen wir die Mächtigkeit des Bestandsbaukörpers auf. Mit dieser skulpturalen Haltung schneiden wir den weniger tiefen Gebäudeteil in der Attikahöhe der umgebenden Neubauten auf und „verschieben" den Baukörper um zwei Geschosse mit zweierlei Zielen nach oben. Zum Einen verbinden wir die dominierende Baumasse des Hochhauses wahrnehmbar mit den kleinteiligen Ergänzungsbauten, gleichzeitig schaffen wir eine Gemeinschaftsterrasse mit sommerlichen Nutzungsfantasien. Den bisherigen Eingangsbereich im Süden nutzen wir zukünftig als innenräumlichen Gemeinschaftsraum mit Blick in den Park, zwei Angebote die dem zukünftigen Miteinander dienen.

Alles in Allem eine unprätentiöse städtebauliche Neuordnung die mit der notwendigen Sensibilität und Maßstäblichkeit Alt und Neu mit respektvoller Ausgewogenheit gegenüberstellt, öffentliche, halböffentliche und private Belange definiert und vereint, so dass trotz hohem Verdichtungsgrad eine erfrischende Quartiersbelebung gelingt, Fifties reloaded!

Auslober:

Bau- und WohnungsVerein Stuttgart

Wettbewerbsart:

Planungskonkurrenz mit sechs Teilnehmern in Anlehnung an die RPW 2013

Jahr:

2019

Team:

Peter Fink
Philipp Fink